08 Menschen mit akuten psychischen Erkrankungen zuhause behandeln

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In den letzten 30 Jahren hat die Behandlung von Patienten/-innen mit akuten psychischen Erkrankungen in ihrem Zuhause Hoffnungen geweckt, aber auch Fragen aufgeworfen. Die Resultate der Tessiner Studie zeigen, dass die Behandlung zuhause im Vergleich zu einer stationären Standardbehandlung eine effektive, sichere, kostengünstige und praktikable Alternative darstellt.

  • ​Porträt / Projektbeschrieb (abgeschlossenes Forschungsprojekt)

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    Die Wirksamkeit der Behandlung zuhause wurde mit einem quasi-experimentellen Ansatz untersucht. Die Patienten/-innen im Raum Bellinzona und Valli wurden der Interventionsgruppe (psychiatrische Behandlung zuhause), diejenigen aus dem Bezirk Lugano der Kontrollgruppe (stationäre Behandlung) zugeteilt. Quantitative Indikatoren wie die Behandlungsdauer, Symptome und Rückfälle wurden am Ende der Behandlung und in den zwei Folgejahren gemessen und zwischen den beiden Gruppen verglichen. Weiter wurden die Erfahrungen der Patienten/-innen und Patienten, der medizinischen Fachpersonen sowie der Angehörigen mit der Behandlung zuhause qualitativ analysiert.

  • Hintergrund / Ausgangslage

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    2016 schloss die Psychiatrische Klinik des Kantons Tessin eine akutstationäre Abteilung und ersetzte diese durch ein neues Angebot im Bezirk Bellinzona und Valli, nämlich die psychiatrische Behandlung und Betreuung von Patienten/-innen zuhause. Diese Form der Behandlung ist insbesondere im englischsprachigen Raum weit verbreitet; für die Schweiz existierten jedoch kaum Daten zu ihrer Wirksamkeit und Kosteneffizienz. Die besondere Situation im Kanton Tessin ermöglichte die Durchführung einer Studie, um die Wirksamkeit und Kosteneffizienz der Behandlung zuhause mit denjenigen einer stationären Behandlung zu vergleichen.

  • Ziele

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    Das Ziel der Studie war es, die Machbarkeit, die Akzeptanz, die Wirksamkeit und die Kosteneffizienz der Betreuung und Behandlung von Menschen mit einer akuten psychischen Erkrankung zuhause im Vergleich zur stationären Standardbehandlung zu untersuchen.

  • Resultate

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    Die Daten zeigten, dass die Behandlungsdauer, die psychiatrischen Symptome nach Abschluss der Behandlung sowie die Häufigkeit und Dauer von Rückfällen in den beiden Gruppen vergleichbar waren. Insgesamt erwies sich die Behandlung zuhause als kostengünstig im Vergleich zum stationären Aufenthalt; dies insbesondere in Bezug auf die Nachsorge. Die Patienten/-innen, die Angehörigen und die Gesundheitsfachpersonen erlebten die Behandlung zuhause als qualitativ gutes, personenzentriertes und auf Vielfalt ausgerichtetes Angebot – dank der engen Zusammenarbeit aller Akteure bei der Bewältigung der damit verbundenen Herausforderungen.

  • Bedeutung / Anwendung

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    Bedeutung der Resultate für die Forschung und Praxis

    Im Tessin ist die Behandlung akuter psychiatrischer Krisen zuhause eine machbare, sichere, wirksame und kostengünstige Alternative zu einem stationären Aufenthalt. Weitere Forschung soll zeigen, welche Bedingungen (Patientencharakteristika, Zusammensetzung und Organisation des behandelnden Teams, Struktur der Intervention, etc.) eine optimale Behandlung zuhause sicherstellen. Die Studie lieferte Hinweise, wie das Angebot auf die Region Südtessin ausgedehnt werden könnte. Zudem kann die Studie als evidenzbasierte Grundlage für die künftige Revision des kantonalen Gesetzes über die sozialpsychiatrische Betreuung (LASP) beigezogen werden.

  • Originaltitel

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    There's no place like home: Testing the cost-effectiveness of home treatment for acute mental illness in Ticino