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06 Interprofessionelle Qualitätszirkel verbessern Medikation in Alters- und Pflegeheimen

 

Durch das Absetzen oder die Reduktion von ungeeigneten Medikamenten können der Gesundheitszustand und die Lebensqualität von älteren Menschen verbessert werden. Interprofessionelle Qualitätszirkel in Alters- und Pflegeheimen fördern dieses "Deprescribing", wie die in 58 Alters- und Pflegeheimen der Kantone Freiburg und Waadt durchgeführte Studie zeigt.

Porträt / Projektbeschrieb (abgeschlossenes Forschungsprojekt)

Nach einer explorativen Analyse fanden zwischen 2018 und 2019 zwei randomisierte kontrollierte Studien in 58 Pflegeheimen in den Kantonen Waadt und Freiburg statt. in jedem Pflegeheim erarbeiteten Ärzte/-innen, Apotheker/-innen und Pflegepersonal im Rahmen von Qualitätszirkeln einen Konsens zum Deprescribing. Das Ziel war, den Einsatz bestimmter ungeeigneter Medikamente zu reduzieren, ohne die Sicherheit der Bewohner/-innen zu gefährden (d.h. Sterblichkeit, Krankenhausaufenthalte, Stürze usw.). Anschliessend rekrutierten sieben Pflegeheime 62 Bewohner/-innen mit dem Ziel, die Wirkung der individuellen Überprüfung der Medikation durch ein interprofessionelles Team auf den Einsatz von ungeeigneten Medikamenten, die Lebensqualität der Bewohner/-innen und ihre Sicherheit zu testen.

Hintergrund / Ausgangslage

In der Schweiz ist mindesten die Hälfte der betagten Heimbewohner/-innen von Über- und Fehlmedikation betroffen. In Alters- und Pflegeheimen der Kantone Freiburg und Waadt werden Fragen zur Medikation seit mehreren Jahren von Pflegenden, Ärzten/-innen und Apotheker/-innen gemeinsam bearbeitet, was zu einer optimalen Medikamentensicherheit und -wirksamkeit sowie Kosteneinsparungen bei Medikamenten beitragen kann. Dieses berufsübergreifende Zusammenarbeitsmodell wurde genutzt, um die Möglichkeiten und Grenzen des Deprescribings zu untersuchen.

Ziele

Ziel der Studie war es, ein interprofessionelles Zusammenarbeitsmodell für das Deprescribing in Alters- und Pflegeheimen zu entwickeln. Es wurde untersucht, wie sich das Modell auf die Medikation, den Gesundheitszustand und die Lebensqualität der Betroffenen auswirkte. Weiter wurden die finanzielle und organisatorische Machbarkeit und die Akzeptanz seitens der Betroffenen analysiert.

Resultate

Die explorative Analyse zeigte auf, dass in den teilnehmenden Pflegeheimen die Verschreibung von ungeeigneten Medikamenten ein Thema ist und dass die Beteiligten ein Deprescribing-Verfahren befürworten. Dank der Qualitätszirkel, die in 27 der 58 beteiligten Pflegeheime durchgeführt wurden, konnte der Einsatz von ungeeigneten Medikamenten tendenziell und von Protonenpumpenhemmern signifkant reduziert werden. Das Deprescribing hatte keine Auswirkung auf Stürze und Fixierungsmassnahmen, aber unklare Auswirkungen auf Krankenhausaufenthalte und die Sterblichkeit. Weiter zeigte sich, dass die Medikamentenüberprüfung bei 29 Bewohnern/-innen zu einer Reduktion der Dosis von ungeeigneten Medikamenten, insbesondere von chronischen Medikamenten, aber nicht zu einer Reduktion der Anzahl verabreichter Medikamente. Das Deprescribing hatte keinen Einfluss auf die Medikamentensicherheit; der Einfluss auf die Lebensqualität hingegen muss vermutlich mit besser geeigneten Messinstrumenten bestätigt werden. Die Intervention sties auf grosse Akzeptanz und wurde von den Beteiligten als machbar eingestuft.

Bedeutung / Anwendung

Die Entwicklung und Implementierung von mehrstufigen interprofessionellen Verfahren für die Optimierung der Medikation in Pflegeheimen erscheint sinnvoll. Diese Verfahren könnten auch auf andere Kantone, Settings (Spitalaustritt) oder Patientengruppen (ältere Personen im eigenen Zuhause) übertragen werden. Dabei sollte ein besonderes Augenmerk auf die Sicherheit und das Wohlbefinden der Patienten gelegt werden.

Die Implementierungsforschung sollte gestärkt werden, um die Verankerung, Verbreitung und Evaluation entsprechender Verfahren im Sinne eines selbstlernenden Systems zu fördern.

Originaltitel

Opportunities and limits of deprescribing for older people in nursing homes (OLD-NH)

Projektverantwortliche

Hauptgesuchsteller:

  • Prof. Olivier Bugnon, Section des sciences pharmaceutiques, Pharmacie Communautaire, Université de Genève, Université de Lausanne

Weitere Gesuchstellende:

  • Dr. Anne Niquille, Policlinique Médicale Universitaire, Université de Lausanne

Projektpartnerinnen und -partner:

  • Dr. Pierluigi Ballabeni, Institut universitaire de médecine sociale et préventive, Faculté de biologie et médecine, Université de Lausanne
  • Dr. Clémence Perraudin, Centre de Pharmacie Communautaire, Section des sciences pharmaceutiques, Université de Genève, Université de Lausanne
  • Prof. Rose-Anna Foley, Haute Ecole de Santé Vaud (HESAB), Unité de recherché en santé, Haute Ecole Spécialisée de Suisse occidentale (HES-SO)
  • Dr. Pierre-Olivier Lang, Service de gériatrie et réadaptation gériatrique, Faculté de biologie et médecine, Université de Lausanne

 

 

Weitere Informationen zu diesem Inhalt

 Kontakt

Dr. Anne Niquille PMU | Policlinique Médicale Universitaire Rue du Bugnon 44 1011 Lausanne +41 79 556 37 97 anne.niquille@unisante.ch

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