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26 Wissenschaftliche Evidenz beeinflusst regionale Unterschiede in medizinischer Versorgung weniger als vermutet

 

Chronische Krankheiten werden je nach Region unterschiedlich behandelt. Die Studie fand keinen Zusammenhang zwischen der Stärke der Evidenz von medizinischen Richtlinien und der geografischen Variation. Richtlinien, welche einer Leistung zuraten, werden tendenziell stärker befolgt als solche, die von einer Leistung abraten.

Porträt / Projektbeschrieb (abgeschlossenes Forschungsprojekt)

In einem ersten Schritt wurden ausgewählte medizinische Richtlinien nach bestimmten Kriterien charakterisiert: Rät die Richtlinie der Erbringung einer bestimmten medizinischen Leistung eher zu oder ab? Wie stark ist die zugrunde liegende wissenschaftliche Evidenz? Im zweiten Schritt wurden anhand von Abrechnungsdaten eines grossen Schweizer Krankenversicherers die regionalen Unterschiede bei der Erbringung bzw. Inanspruchnahme von 24 ausgewählten medizinischen Leistungen, auf die sich die Richtlinien bezogen, analysiert. Im dritten Schritt wurde der Zusammenhang zwischen den Charakteristika der Richtlinien und der geografischen Variation der Leistungserbringung untersucht – unter Berücksichtigung der persönlichen und versicherungsbezogenen Merkmale der Versicherten. Die Vermutung war, dass stark evidenzbasierte Richtlinien zu einer geringeren geografischen Variation der Leistungserbringung bzw. -inanspruchnahme führen. In einem vierten Schritt wurde zudem der Zusammenhang zwischen der Einhaltung der medizinischen Richtlinien und der Höhe der Gesundheitskosten sowie der Sterblichkeit analysiert.

Hintergrund / Ausgangslage

Die Erbringung bzw. Inanspruchnahme von medizinischen Leistungen variiert sowohl über die Zeit als auch zwischen Regionen beträchtlich. Grosse regionale Unterschiede können auf eine Unter- oder Überversorgung von Bevölkerungsgruppen hinweisen. Dies hat erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung und auf die Gesundheitskosten - insbesondere bei chronischen Krankheiten. Welchen Einfluss medizinische Richtlinien auf die Wahl der medizinischen Leistungen haben, war bisher wenig bekannt.

Ziele

Das Ziel der Studie war erstens, bestehende regionale Unterschiede in der medizinischen Behandlung von chronischen Krankheiten zu beschreiben. Zweitens sollte untersucht werden, wie medizinische Richtlinien die Wahl der Behandlung und damit verbundene regionalen Unterschiede beeinflussen.

Resultate

Die Studie fand keinen Hinweis darauf, dass stark evidenzbasierte medizinische Richtlinien einheitlicher befolgt wurden als solche mit geringer Evidenz, oder dass sie zu einer Reduktion der geografischen Variation führten. Sie konnte aber aufzeigen, dass Richtlinien, die einer Leistung zurieten, tendenziell stärker befolgt wurden als solche, die von einer Leistung abrieten. Bei Versicherten in Managed-Care-Modellen korrespondierte die Leistungserbringung tendenziell stärker mit den medizinischen Richtlinien als bei den übrigen Versicherten. Gleichzeitig korrespondierte eine höhere Selbstbeteiligung mit einer geringeren Inanspruchnahme sowohl von empfohlenen als auch nicht empfohlenen Leistungen. Schliesslich fanden sich Hinweise, dass die Befolgung von medizinischen Richtlinien mit tieferen Gesundheitskosten korrespondierte. Ein Zusammenhang mit einer niedrigeren Sterblichkeit liess sich aufgrund der Limitationen der verwendeten Daten aber nicht zeigen.

Bedeutung der Resultate für die Forschung

Die Analyse geografischer Variationen der Leistungserbringung schafft die Voraussetzungen für eine verbesserte Erforschung der Bestimmungsfaktoren medizinischer Entscheidungsfindung.

Bedeutung der Resultate für die Praxis

Wissenschaftliche Evidenz beeinflusst regionale Unterschiede in der Erbringung von medizinischen Leistungen weniger als vermutet. Managed Care-Modelle unterstützen tendenziell eine leitliniengerechte Versorgung. Im Gegenzug verhindern höhere Selbstbeteiligungen die Inanspruchnahme nicht nur von nicht empfohlenen, sondern auch von empfohlenen Leistungen. Differenzierte finanzielle Anreize könnten dazu beitragen, dass evidenzbasierte Richtlinien und Empfehlungen stärker berücksichtigt werden.

Originaltitel

Geographic variation in the utilisation of health care interventions: what is the role of recommendations and other influences?

Projektverantwortliche

Hauptgesuchsteller:

  • Prof. Dr. Matthias Schwenkglenks, MPH, Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention, Universität Zürich

Weitere Gesuchstellende:

  • Dr. Holger Dressel, Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention, Universität Zürich
  • Dr. Viktor von Wyl, Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention, Universität Zürich
  • Dr. Klazien Matter-Walstra, European Center of Pharmaceutical Medicine (ECPM), Universität Basel

Projektpartnerinnen und -partner:

  • Dr. Oliver Reich, Department of Health Sciences, Helsana Insurance Group
  • Prof. Leonhard Held, Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention, Universität Zürich

 

 

Weitere Informationen zu diesem Inhalt

 Kontakt

Prof. Dr. Matthias Schwenkglenks Leiter Arbeitsbereich Medizinische Ökonomie Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention (EBPI) Universität Zürich Hirschengraben 84 8001 Zürich +41 44 634 47 04 matthias.schwenkglenks@uzh.ch

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